05.12.2019
Der Sandmann hat ein Smartphone

 

Wer, wie ich, ein kleines Kind hat, stellt sich spätestens, wenn der Greifreflex einigermaßen ausgereift ist, die Frage: Wieviel Handykontakt tut Kindern eigentlich gut? 
Dass einem die Gurke bei erstbester Gelegenheit abgeluchst wird, verwundert kaum: Wir plaudern in allen Stimmungslagen darauf ein, Menschen, die weit weg sind, tauchen plötzlich darauf auf, und auch sonst scheint es kaum mehr Gelegenheiten im Alltag zu geben, wo es nicht dabei ist – egal wohin man geht, Leute starren konzentriert darauf.

 

Bereits Babys bekommen von unserem Mediengebrauch "nebenbei" mehr als genug mit und so lauten die Empfehlungen von Experten – die für ein Alter bis 3 Jahre von jeglicher Bildschirmzeit abraten und danach bis zum Schulalter maximal 30 Minuten in Begleitung Erwachsener anberaumen – vor allem selbst als gutes Beispiel voranzugehen.

 

Ich habe mir also auferlegt, in der Gegenwart meines Kindes nicht zu chatten oder gar Webseiten und Nachrichten zu durchstöbern. Das Handy bleibt asketisch in der Tasche, distracted parenting: nicht bei mir! Zumal ja noch genug Zeit bleibt, wenn der kleine Mann im Bett ist.

 

Doch bevor es soweit ist, will ich massvoll ein Auge zudrücken. Soll der noch nicht Dreijährige doch zumindest 10 Minuten Sandmann schauen können. Da gibt es keine Werbeunterbrechungen mit Explosionen und Schießereien wie bei YouTube, sondern ein süßes Männchen, das seit 60 Jahren Schlafsand in die Wohnzimmer rieseln lässt, ein Gute-Nacht-Liedchen auf den Lippen, das es gemeinsam mit gebastelten Puppen in allerlei Situationen der kindlichen Realität trällert. Vielleicht kommt heute sogar der Nikolaus? Der Kalender legt es nahe.

 

Weit gefehlt. In der heutigen neuen Folge sehen wir das Sandmännchen, das sonst mit Pferdekutsche, Boot oder auf dem fliegenden Teppich unterwegs ist, mit Smartphone in der Gasse stehen. Der Finger wischt hin und her, zoom in: sieht nach Google Maps aus. Das Programm geleitet ihn schließlich zum Haus der Puppenkinder, wo heute das Betthupferl angesehen wird – natürlich auf dem Smartphone. Vorher wird noch schnell ein Selfie vor den Bausteinen gemacht.

 
 
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© Lucia Schöllhuber Impressum