21.07.2020 – #2 Libanon

Ein Witz für ein Leben

 

Eine alte Volksweisheit besagt: Je weniger es zu lachen gibt, desto mehr sollte man es tun. Und so zieht sich auch der Witz als roter Faden durch Mazen Maaroufs Erzählungen Ein Witz für ein Leben, die allesamt vor der Hintergrundkulisse des Krieges spielen.

 

Dort, zwischen Krüppeln und Trümmern, können Witze Leben retten oder töten. Manchmal müssen sie Familien ernähren, oft ist die Komik unfreiwillig. Immer aber helfen sie, kurz auszubrechen aus einer Welt, die unerträglich unmenschlich geworden ist. Wo Bomben Vätern die Arme wegreißen oder Raketen in den Schulbus einschlagen, in dem der taube Bruder sitzt, muss der Geist Strategien zur Bewältigung finden.

 

Neben tiefschwarzem Humor bedient sich Maarouf dabei des surrealen Kunstgriffs einer Kinderperspektive, die naiv und neugierig Fantastisches in den Blick nimmt. Wir begegnen Kühen in Kinosälen, die nun als Luftschutzbunker dienen, Schnellstraßen voller Biskuitbrösel, die eigentlich Autowracks sind, und Paprikapflanzen, die die Seelen ganzer Familien in sich tragen.

 

Von kindlicher Logik und magischem Denken durchzogen, legt Mazen Maarouf mit diesen skurrilen Seltsamkeiten, die im Kriegsalltag auftauchen, ein außergewöhnliches Debüt vor. Man ahnt, dass er genau kennt, wovon er schreibt, wenn er immer wieder und fast nebensächlich die alltägliche Gewalt und ihre Sinnlosigkeit streift.

 

Dabei nutzt der 1978 im Libanon geborene Autor den Vorstoß ins Absurde nicht nur als Flucht aus einer grauenvollen Realität. Vielmehr bedeutet er die Suche nach einer würdevollen Existenz in ihr. Der Kinderblick versucht nicht zu verstehen. Er nimmt selbstverständlich in den Blick, was sich vor ihm auftut, geht damit um, spielt und sucht seinen Platz, um einfach sein zu können – als Kind, dem die Unschuld mal mehr, mal weniger abhandengekommen ist, inmitten eines Albtraums namens Leben.

 

Der Erzählband stand 2019 auf der Longlist des Man Booker International Prize und ist 2020 in deutscher Übersetzung von Larissa Bender im Unionsverlag erschienen.

 

Rezension erstmals erschienen auf Hotlistblog.

 

>> Mazen Maarouf: Ein Witz für ein Leben. Unionsverlag 2020. 160 Seiten, 20 EUR. E-Book 16,99 EUR. 

Einst gepriesen als "die Schweiz des Orients", steckt der Libanon aktuell in der schlimmsten Staatskrise seit Ende des Bürgerkrieges 1990: Die Währung befindet sich im freien Fall, Gehälter, Renten und Ersparnisse haben seit vergangenem Oktober 85 Prozent ihrer Kaufkraft verloren. Im Ansteigen sind Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Die Corona-Krise wirkt dabei wie ein Brennglas auf bestehende Probleme. Am stärksten trifft die Misere die Schwächsten – 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge und geschätzt 250 000 ausländische Haushaltshilfen, die überwiegend aus Äthiopien, den Philippinen und Nigeria stammen und nun von den libanesischen Familien, für die sie bislang arbeiteten, auf die Straße gesetzt werden. Denn längst ist die Mittelklasse selbst betroffen, mehr als die Hälfte der knapp 7 Millionen umfassenden Bevölkerung lebt in Armut.  >> Tagesspiegel: Hausangestellte im Libanon

Die libanesische Sängerin Fairouz zählt heute zu den erfolgreichsten arabischen Sängerinnen aller Zeiten. Selbst über die Grenzen hinaus trägt sie den Beinamen "Mutter der libanesischen Nation". Ihre Songs schrieb zunächst ihr Ehemann Assi Rahbani, der damit in den 1960er-Jahren auch einen neuen Musikstil für das junge Land prägte, der sich stark auf die klassizistische Interpretation traditioneller Lieder und harmonische Arrangements fokussierte. Nach dessen Tod erfand der gemeinsame Sohn, Ziad Rahbani, Fairouz' Stil neu: der Ton wurde jazziger, die Texte sarkastischer – nicht zur Freude der Kritiker aber mit dem Effekt, die Ikone dem traditionellen Frauenbild zu entziehen.   >>  Fairouz: Ayuh fi amal

Die libanesische Küche ist berühmt für ihre vielfältigen Köstlichkeiten wie Taboulé, Falafel, Hummus oder Auberginencreme. Das kleine im Beiruter Zentrum versteckte Restaurant T-Marbouta serviert all das und ist eine Empfehlung meiner Freundin Souha, die in ihrer Heimatstadt Beirut als Frauenärztin arbeitet und gerade dabei ist, dort um die Ecke ein Geburtshaus zu errichten: >> Beirut: T-Marbouta
Authentische Rezepte zum Nachkochen inklusive einer kleinen Reisetour an unbekannte Orte des Libanons findet man in Kamal Mouzawaks Buch >> Libanesisch essen

Extra Tipp: Durch die Krise im Libanon mussten viele Selbständige ihre Geschäfte aufgeben. Die Stadt Beirut hat deshalb auf ihrer Seite eine Liste mit kleinen libanesischen Unternehmen zusammengestellt, die unterschiedliche Produkte – vom Olivenöl bis zum Bikini – anbieten und zum überwiegenden Teil auch versenden.  >> Love Local: Small Lebanese Businesses 

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