09.05.2020 – #1 Österreich

Leben nach dem Überleben

 

Eigentlich war für diese Tage eine große Gedenkfeier in Mauthausen geplant. 75 Jahre ist es her, als am 5. Mai 1945 US-Soldaten in dem österreichischen Konzentrationslager die letzten überlebenden Häftlinge befreiten. Viele davon so geschwächt, dass sie noch in den Tagen und Wochen nach ihrer Befreiung starben.

Doch am historischen Jahrestag findet sich nur ein Mann auf dem ehemaligen Appellplatz ein, der heute eine Gedenkstätte ist. Der österreichische Präsident, Alexander Van der Bellen, legt dort einen Kranz nieder und wirft damit ein Bild in die Welt, das Symbolkraft in mehrerlei Hinsicht in sich birgt.

 

Ein dreiviertel Jahrhundert nach dem Kriegsende erschwert längst nicht nur die Corona-Krise das Erinnern an das, was sich niemals wiederholen darf. Mit immer weniger Zeitzeugen, die uns berichten können, wird es zunehmend schwieriger, sich ein Bild von jenen Geschehnissen zu machen, die zum millionenfachen Mord an Europas Juden und unsäglichem Leid geführt haben. Leid, das Alexander Van der Bellen in seiner Ansprache als "offene Wunde" bezeichnet. Verheilt ist diese auch nach 75 Jahren nicht.

 

Wie weit die schmerzhaften Verästelungen ins Heute reichen, beschreibt Susanne Scholl in ihrem bislang persönlichsten Roman. Dabei geht es jedoch nicht nur um das Ermessen der Wunde, die das größte Trauma des 20. Jahrhunderts hinterlassen hat. Vielmehr handelt das Buch von starken Frauen, die um ihr Leben nach dem Überleben kämpfen: Fritzi, die von ihren Eltern noch vor Ausbruch des Krieges ins englische Exil geschickt wird, erlebt als lebensfrohe Jugendliche alles zunächst als großes Abenteuer, das sich erst nach und nach als Kampf um die Existenz enthüllt. Als sie ihren Eltern aus dem Zug winkt, ahnt sie noch nicht, dass sie einander nie mehr wiedersehen werden. Auch als der Kontakt abreißt, gibt sie die Hoffnung nicht auf. Im Gegensatz zu Freunden, die nie wieder einen Fuß auf österreichischen Boden setzen wollen, kehrt sie nach dem Krieg ins geliebte Wien zurück – die ehemalige Heimat, in der es nur noch Scherben eines einstigen Lebens aufzusammeln gibt.

 

Lea, ihre Tochter, erlebt ihre Mutter energisch bis zum Schluss. Und doch auch heimgesucht von Phasen der Apathie, wenn Fritzi es bis nachmittags nicht aus dem Bett schafft. Im Studieren der historischen Ereignisse und dem Nachspüren der Schicksale von Verwandten und ihren Bekannten, rekonstruiert sie nicht nur die Geschichte ihrer großen jüdischen Familie. Auch sie selbst hat mit Albträumen zu kämpfen. Auch ihr ist das Schuldgefühl nicht fremd, im Gegensatz zu anderen am Leben zu sein und die ihren nicht beschützen zu können.

 

Mit den Bildern von ankommenden Flüchtlingen aus Syrien und Afghanistan beginnen die belastenden Gefühle einmal mehr an den beiden Frauen zu zerren. Fritzi verfolgt das Geschehen im Fernsehen und fühlt sich ohnmächtig an ihr eigenes Schicksal erinnert. Bei Lea kommt die Verzweiflung hinzu: Was kann man bloß tun? Sie bewundert ihre Kinder, Mimi und Harry, die am Bahnhof mithelfen, die geschwächten Ankömmlige zu versorgen, während ihr die Beziehung zu ihrem ältesten Sohn Simon mehr und mehr abhanden kommt. Auch die nachfolgende Generation hat ihre ganz eigenen Lebenswege und auch dort warten Ereignisse, die drohen, die Familie auseinander brechen zu lassen.

 

Im intelligent angelegten Roman gelingt Susanne Scholl das Kunststück, einen Bogen vom historischen Tiefpunkt des Holocaust ins Heute zu spannen, ohne dabei Widersprüchlichkeiten außer Acht zu lassen. Viel mehr erleben wir eine Auseinandersetzung der Autorin mit unterschiedlichsten Facetten der Hilflosigkeit und dem Ankämpfen gegen die Unmenschlichkeit, die aus politischer Verblendung entsteht. Das Buch lässt sich, einmal angefangen, kaum mehr weglegen. Zu nahegehend sind die Einblicke in das Schicksal einer jüdischen Familie, das für so viele steht. Präzise ist die schnörkellose Sprache, die in kurzen Sätzen auf eine Reise durch Europa in seinen dunkelsten Stunden mitnimmt. Und gewaltig klafft die offene Wunde, in deren Begegnung einmal mehr deutlich wird: Erinnern ist keine Option, sondern Pflicht.

 

>> Susanne Scholl: Wachtraum. Residenz Verlag 2017. 220 Seiten, 22 EUR.

Bis 1938 hatten Jüdinnen und Juden einen Anteil von 10% an der Wiener Bevölkerung. Nach dem Krieg waren es nur mehr wenige hundert Personen, bis heute liegt ihr Anteil unter 1%. Am präsentesten ist jüdisches Leben heute wieder im zweiten Wiener Gemeindebezirk Leopoldstadt. Eine Reihe jüdischer Institutionen hat dort ihre Heimat, so wie auch der Stadttempel, die einzige historisch erhaltene Synagoge. Im Alsergrund, dem neunten Bezirk, der bis 1938 den zweithöchsten Anteil an jüdischer Bevölkerung beheimatete, kann man u.a. den Spuren von Sigmund Freud und Viktor Frankl nachgehen oder den jüdischen Friedhof besuchen.  >> Stadtspaziergang Jüdisches Wien

Der Name A3 (Austria 3) spielt an auf eine der ersten und billigsten Marken filterloser Zigaretten und versammelte als Musikgruppe die Solisten Rainhard Fendrich, Georg Danzer und Wolfgang Ambros. Deren Stücke blicken tief in die österreichische Seele und sind heute fast durchgängig Kult. Wolfgang Ambros wird oft und gerne auch als "Österreichs Bob Dylan" bezeichnet.  >>  Wolfgang Ambros: A Mensch möcht i bleibn

Vor 10 Jahren am Wiener Naschmarkt gestartet, erfreute sich das Soulfood von Haya Molcho schnell großer Beliebtheit, sodass es von "Neni" mittlerweile mehrere Standorte von Berlin bis Mallorca gibt. Koscher gekocht wird bei der Israelin und ihren vier Söhnen nicht, aber ein Besuch lohnt sich allemal >> Neni

Wer dann das passende Dessert sucht, ist bei Christina Tropper gut beraten. "Einer schreit immer" heißt ihr vergnüglicher Mamablog für Mütter mit zwei Kindern. In Sachen österreichische Mehlspeisen ist er obendrein ein Geheimtipp. Empfehlung: >> Einer schreit immer: Marillenknödel

Extra Tipp: "Shalom Alaikum. Jewish Aid for Refugees" ist ein ehrenamtlicher Verein, der von jüdischen Frauen im Herbst 2015 gegründet und mittlerweile mehrfach ausgezeichnet wurde für die Betreuung geflüchteter Menschen und deren Unterstützung beim Aufbau eines neuen Lebens in Wien.  >> Shalom Alaikum 

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